Jeder erhält sein eigenes Weltbild

Es kennt bestimmt jeder dieses Phänomen. Menschen, die sich um Kopf und Kragen reden bzw. schreiben, damit ihre Meinung nicht als eine „falsche“ Meinung geltend gemacht wird. Aber warum ist das so? Und sind wir nicht alle manchmal so drauf?

Es ist schlicht und ergreifend so, dass Menschen Sicherheit im Leben brauchen, um sich wohlzufühlen und um zu wissen, was sie wann und wie tun müssen oder zu lassen haben. Das reicht von niedergeschriebenen Verhaltensweisen, an die sich jeder Bürger eines bestimmten Landes halten muss bis zu unsichtbaren Normen, sprich: Dinge, die man einfach nicht tun sollte, weil sie von der Gesellschaft nicht toleriert werden, ABER nirgendwo per Gesetz festgehalten worden sind (bspw.: fremde Menschen mit Absicht anniesen, wenn man krank ist). Diese beiden Formen der Sicherheit oder Gewaltausübung (nicht im negativen Sinne gemeint) sind maßgeblich daran beteiligt, dass unser Zusammenleben vorhersehbar und damit sicherer wird. Vorhersehbar deshalb, weil wir fast genau wissen, wie ein anderer Mensch sich uns selbst gegenüber verhalten wird. Es gibt nur wenige und fast einzigartige Situationen in denen wir nicht wissen wie wir reagieren sollen (Bsp.: ein Polizist macht eine Fahrzeugkontrolle und fängt an mit Weinen).

Um diese Sicherheiten stabil zu halten, spielt auch die eigene Überzeugung eine große Rolle. Denn daraus resultieren sehr viele unserer Handlungen und das manchmal sogar entgegen der bestehenden Gesetze eines Landes oder gegen die gesellschaftlichen Normen (Bsp.: Rechtsradikale, die eine Moschee anzünden). Für unsere Überzeugungen konsumieren wir auch Nachrichten, die fast ausschließlich unsere bereits bestehende Meinung festigen (Bsp.: Linke&Grüne lesen häufig Junge Welt und evtl. noch die taz, Konservative eher FAZ, Die Zeit und Die Welt). Nachrichten, die unser Weltbild stark beeinträchtigen würden, werden entweder ignoriert oder mit „objektiven“ Fakten oder Pseudo-Argumenten versucht zu entkräften. Selten trifft man auf Menschen, die ein dynamisches Weltbild haben und sich ausgewogen informieren. Die krassesten Weltbild-Gegensätze prallen momentan auf facebook aufeinander. Online-Zeitungen/Magazine werden bei jedem Russland-Artikel als „Propaganda-Hetzblatt“ bezeichnet, sobald auch nur ein Fünkchen Kritik an Russland zu spüren ist. Die Artikel werden meistens auch gar nicht mehr gelesen, sondern per Artikeltitel in die geistigen Schubladen einsortiert. Natürlich will ich die deutschen Medien nicht schön reden, da gab es wirklich sehr fragwürdige Titelblätter in Bezug auf Russland (Bsp.: Spiegel-Cover „Stoppt Putin jetzt!“), die kann man aber auch sachlich diskutieren und muss nicht vulgär werden. Jedenfalls sind diese Menschen nur deshalb so aggressiv in ihrem Umgangston, weil sie nur Medien konsumieren, die ihr „so-schlecht-ist-Putin-gar-nicht“-Weltbild, genauso wie ihr „NATO-EU-Deutsche Regierung ist scheiße“-Weltbild bekräftigen. Die sogenannten Mainstream-Medien sind ja aus deren Sicht nur Propagandablätter der NATO, USA usw.

Umfassendes fiktives Beispiel:

Wir haben zwei Menschen (Sie als Leser, sind der Beobachter): Einen atheistischen Menschen, der todkrank ist und einen stark religiösen Christen. Die Beiden kennen sich und sind beste Freunde, Sie kennen auch beide Personen, aber bleiben in einer objektiv-beobachtenden Rolle. Der Todkranke will nicht sterben und hat aus medizinischer Sicht alles ausprobiert und nichts hat geholfen. Sein Freund rät ihn auf ein Wunder von Gott zu vertrauen. Dieser ist sehr skeptisch und versucht durch Gottesglauben und Gebete am Leben zu bleiben.

Folgende interessante Situation trifft jetzt ein:

A) der todkranke Freund wird geheilt und der überzeugte Christ wird vermutlich sagen: „Gott wollte eben nicht dass du stirbst, deshalb hat er ein Wunder geschehen gelassen.“
B) der todkranke Freund stirbt und der überzeugte Christ wird sich vermutlich denken: „Er hat zu spät an Gott geglaubt. Mit regelmäßigen Gebeten wäre das nicht passiert.“

Eines ist IMMER sicher. Der Christ behält sein Weltbild, egal was auch mit seinem Freund passiert. Er passt seine Begründung dem jeweiligen Ausgang an, um seinen Gottesglauben nicht zu verlieren, weil er darin Sicherheit findet. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, dass der Christ seinen Gottesglauben verliert nach dem Tod seines Freundes, jedoch wird das eher die Seltenheit sein, hier bestätigt die Ausnahme die Regel.

Diese Hypothesen, die ich hier aufgestellt habe, sind alle bereits empirisch nachgewiesen worden. Von den zwei verschiedenen Gewaltformen bis hin zum meinungsbestätigenden Medienkonsum und dem dringenden Bedürfnis sein Weltbild zu erhalten. Ich habe hier nur darauf verzichtet Fach-Termini zu verwenden, damit es auch ein nicht-studierter Mensch versteht. Hinzu kommt, dass ich teilweise sehr stark vereinfacht habe, um ausufernde Komplexität zu vermeiden.

Hier die Aufschlüsselung:

http://de.wikipedia.org/wiki/Symbolische_Gewalt

http://de.wikipedia.org/wiki/Habitus_%28Soziologie%29

http://de.wikipedia.org/wiki/The_People%E2%80%99s_Choice

http://de.wikipedia.org/wiki/Kognitive_Dissonanz

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  1. #1 von ich-maedels am November 5, 2014 - 7:32 pm

    Ein guter nachdenklicher Beitrag.
    Eins moniere ich aber:
    Linke&Grüne lesen häufig taz.
    Grüne ja, aber die linken Leser zieht es doch dann eher zur Jungen Welt etc.
    Die Taz ist nicht mehr das was sie früher war, die sogenannten Grünen ja auch nicht.
    S

    • #2 von erikschueler am November 5, 2014 - 7:36 pm

      Da kann ich nicht widersprechen. Habe das korrigiert bzw. teilweise zurückgezogen. Danke für den konstruktiven Beitrag.

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