Die Trägheit des Geistes

“Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun”, das sagte bereits Molière, ein französischer Dramatiker. Der Grund warum wir einige Dinge nicht tun, kann an ganz unterschiedlichen Punkten liegen, diese können vom Nichtwissen bis zum chronischen Verdrängen gehen, wobei auch hier wieder klassifiziert werden müsste aus welchen Gründen eben diese Gründe herrühren. Aber das kann jeder nur für sich selbst bestimmen. Fakt jedoch ist, dass in den meisten Fällen, das Wissen über beispielsweise Ungerechtigkeit da ist, es aber gleichzeitig nicht zu Taten anregt bzw. drängt. Das kann nur überwunden werden, wenn man gegen seine eigene Geistesträgheit ankämpft und das Tag für Tag. Das ist keine neue Erkenntnis. Nein. Ganz im Gegenteil. Die Geschichtsbücher sind voll mit Menschen, die ihre Mitmenschen zu Mittätern ihrer sozialen und geistigen Umwälzungen machen wollten.

Einer von ihnen war Bertolt Brecht, denn sein Ziel war kein geringeres als die Erziehung des Menschen zum Denken und das danach folgende Tun. Wer jetzt an Immanuel Kant denkt und die Zeit der Aufklärung, der tut gut daran, denn dieser Mann und diese Epoche sind ein Paradebeispiel für das Kopfzerbrechen in seiner beispiellosesten Form. „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“, für diesen Satz ist Kant bekannt und anerkannt, aber die geschichtliche Basis dieses Satzes ist steckengeblieben in der Zeit der Aufklärung, dennoch reicht seine Einflusskraft bis in die heutige Gegenwart. Das einzige Problem, welches wir haben ist die Neuauflegung, also quasi das Covern, von diesem Satz. Brecht gelang es zu Lebzeiten ein solch ähnliches Cover zu erstellen in Form des Epischen Theaters, jedoch bezog er sich auf noch tiefere Vergangenheitswurzeln –das Aristotelische Theater.

Heute wird es zunehmend wichtiger von seinen Rechten Gebrauch zu machen, wenn der Sozialstaat abgebaut wird, weil das Geld fehlt, aber parallel dazu Banken Milliarden über Milliarden bekommen. Oder Kameras überall installiert werden sollen um die Sicherheit zu gewährleisten, aber parallel dazu die Konten der Politiker immer weniger transparent werden. Was haben diese Volksvertreter eigentlich vor ihrem eigenen Volk zu verbergen? Ein paar Hunderttausend Euro von großen Konzernchefs, welche dazu dienten ihre Meinung zukaufen, weil ein paar unbequeme Gesetze den Gewinn schmälern würden? Und ja, in Deutschland wäre das vollkommen legitim genau das zu tun, denn uns fehlt das Antikorruptionsgesetz (siehe Artikel „Ist die CDU konservativ?„). Laut Politikern wird es nicht ratifiziert, da die Beziehungen zur Wirtschaft Schaden nehmen könnten. Die Nähe zur Wirtschaft steht über der Nähe zum Volk und das in einer Demokratie. Jene Nähe spürt man auch im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung aus dem Jahre 2012.  Zitat aus der Süddeutschen.de:

„Das Nettovermögen der privaten Haushalte hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehr als verdoppelt – auf 10 Billionen Euro. Doch der Armutsbericht der Bundesregierung zeigt auch, wie ungleichmäßig der Wohlstand verteilt ist. Die reichsten zehn Prozent der Deutschen verfügen über mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens, der unteren Hälfte der Haushalte bleibt gerade mal ein Prozent. Und auch der Staat wird immer ärmer.“

Das Schlimmste daran ist, dass es keinen groß stört. Selbstverschuldete Unmündigkeit 2.0 und das im 21. Jahrhundert.

Es galt mal: „Wissen ist Macht“ (Sir Francis Bacon), momentan gilt: „Nichts wissen macht auch nichts“, das ist ein tragischer Trugschluss mit fatalen Folgen für die zeitnahe Zukunft. Und dennoch stellt diese Geisteshaltung unseren derzeitigen Gesellschaftscharakter dar und ist auf unsere geistige Trägheit zurückzuführen. Schuld ist der Leistungsdruck von Schule, Eltern und dem Arbeitsmarkt, und seinen Bedingungen, denn er drückt so stark, dass viele ihn bereits nicht mehr aushalten können. Burn-out ist nur ein Symptom dieses menschverachtenden Systems und macht außerdem nur einen Teil einer immer größer werdenden  Anzahl an depressiven Menschen aus (siehe Quelle). In einer kranken Leistungsgesellschaft fallen kranke Menschen nicht auf. Diese Tatsache liegt in der Natur der Sache. Was wir heute als normal empfinden, ist für andere Außenstehende nur zu gut sichtbar. Wenn man die derzeitige Situation in einer Metapher ausdrücken würde, so würde sie wie folgt aussehen:

Wir, die Menschen der Industrieländer, sitzen in einem Auto, dem Kapitalismus mit seiner Leistungs- und Wachstumsdogmen, und fahren mit 300 km/h auf eine Mauer zu. Der Optimist, der auf der Rückbank sitzt im Wagen, ist sich sicher, dass der Fahrer des Wagens rechtzeitig das Tempo drosselt und die Fahrtrichtung ändert. Der Pessimist, der ebenfalls auf der Rückbank sitzt, hält sich die Augen zu und ist sich seines Todes sicher. Der Realist hat seinen Platz neben dem Fahrer, aber durch seinen permanenten Schlafmangel döst er gerne mal ein und wacht vor Schreck auf, wenn der Kurs einen Wechsel braucht. Am Steuer des Autos ist der Kapitalist und freut sich, dass er so gut vorankommt.

Wie aber wird ein Mensch in der Gesellschaft geformt? Um dieser Frage auf den Grund zugehen kommt man nicht um die Soziologie und die Psychologie in Bezug auf den Menschen. Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, hat hierzu folgende Theorie aufgestellt:

Der Mensch wird mit dem „Ich“ und dem „Es“ geboren, wobei das „Ich“ erst sehr schwach ausgeprägt ist, weshalb die Reize der Außenwelt mit den Trieben des „Es“ das Kleinkind bestimmen (Baby schreit, wenn es hungrig ist und das Baby schreit, wenn es frische Windeln braucht und das Baby schreit, wenn es im Arm gehalten werden will). Im Laufe der Zeit beginnt das Kind seine Umwelt im vollen Bewusstsein wahrzunehmen und es übernimmt zum Großteil die Wert- und Normvorstellungen der Eltern –das „Über- Ich“- und anderen sehr starken emotional gebundenen Bezugsmenschen (Oma, Opa, Geschwister, etc.), dadurch entstanden auch Sprichwörter wie: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ oder „Wie der Vater, so der Sohn“.

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Durch die eigenen Erfahrungen, die das Kind jetzt macht, verändert sich auch dessen Charakter mit einer leichten Abweichung von der Summe der elterlichen Charakterzüge. Mit fortschreitendem Alter findet das Kind neue Bezugspunkte für die sich entwickelnde Moral (Spiderman, Batman, etc.) und neue Freunde, welche ebenfalls eine breite Palette an neuen Einflüssen mit sich bringt, hierbei spielen Erlebnisse und dessen Umgang eine große Rolle (mit dem Ball spielen macht Spaß, aber wenn man dabei hinfällt…). Jede Begegnung mit Menschen, jedes Erlebnis in welcher Hinsicht auch immer beeinflusst den Gesamtcharakter, aber je älter man wird, desto schwerer bekommt anerzogene Dinge wieder weg (Probleme mit Gewalt oder Alkohol lösen), weil diese vermeintlichen „Lösungen“ so sehr verankert sind, dass sie als richtig anerkannt werden und wenn nötig auch schön geredet werden (der Kleine braucht mal eine richtig schöne Trachtprügel). Und in einer multimedialen Zeit wie heute, werden viele freie Stunden ins Fernsehen investiert, weshalb auch dieses eine weit unterschätzte Einflussnahme ausüben kann. Viel Gewalt und ständiges Anschreien finden meistens bei Teenagern viel Anklang und führt zu einer Nachahmerei, weil man sich der Aufmerksamkeit der anderen auf jeden Fall sicher sein kann, denn um nichts anderes geht es ihnen. Aufmerksamkeit, welche ihnen nicht geschenkt wurden ist (Eltern waren niemals Zuhause, wenn sie von der Schule alleine Nachhause kamen oder ein alleinerziehendes Elternteil, welches immer arbeiten muss, kann nicht immer für sein Kind da sein). Durch unsere Leistungsgesellschaft züchten wir eine Zukunft heran, welche schon in ihrer Kindheit einen starken Mangel an Fürsorge und Elternliebe haben wird. Die Folge ist eine Nachkommenschaft von Menschen, die ihren frühen Liebesmangel ausgleichen müssen um ihn zu vergessen (permanenter Konsum/ Kauf, Workaholics bzw. Arbeitssüchtige), denn es gilt „Reden ist Silber und Schweigen ist Gold“ und wer will schon andere mit seinen eigenen Problemen belasten? Aus diesem Schweigen heraus belastet man sich entweder durchgängig mit anderen größeren Problemen oder versucht sich anderweitig abzulenken mit zum Beispiel: shoppen, zocken und fernsehen. Vom Ersten wird sich irgendwann eine Depression breitmachen und vom Zweiten bekommt auf Dauer eine Art Narkose.

Problemlösung

Zunächst muss der Stress im Gesamtsystem reduziert werden durch Leistungsdruckabbau, dann lösen sich viele Probleme von alleine. Eltern haben mehr Zeit und Kinder sind freier in ihrem Handeln, außerdem hätten Erwachsene überhaupt Zeit für Kinderwünsche. Die Anzahl der depressiven Menschen würde zurückgehen, weil nun endlich mehr Zeit zum Reden da ist und man nicht ständig unter Strom steht. Die neue gewonnene Zeit kann komplett anders verbaut werden, wodurch kreative Arbeiten an Zuwachs gewinnen würden, das heißt Autoren, Dichter, Maler, Musiker und viele andere Kreativisten könnten geradezu aus dem Boden sprießen. Ein Wechsel des Systems sollte demnach in Richtung des Humanismus gehen, das heißt (Zitat Wikipedia):

  1. Das Glück und Wohlergehen des einzelnen Menschen und der Gesellschaft bilden den höchsten Wert, an dem sich jedes Handeln orientieren soll.
  2. Die Würde des Menschen, seine Persönlichkeit und sein Leben müssen respektiert werden.
  3. Der Mensch hat die Fähigkeit, sich zu bilden und weiterzuentwickeln.
  4. Die schöpferischen Kräfte des Menschen sollen sich entfalten können.
  5. Die menschliche Gesellschaft soll in einer fortschreitenden Höherentwicklung die Würde und Freiheit des einzelnen Menschen gewährleisten.

Sehr anstrebenswerte Ziele so viel ist sicher, aber umsetzen müssen wir sie. Die Zukunft liegt in unseren Händen, denn “wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.”

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