Impressionen eines Unglücklichen

Eine literarische Kurzgeschichte von Anna Reuter.

Starre an die Decke. 08:25 Uhr. Der Wecker klingelt schon seit Jahren nicht mehr. Weshalb auch? Zeit ist nicht nur relativ, sondern auch egal geworden, denn keiner wartet mehr auf mich.
Kinder ausgeflogen, undankbare Mistkuh hat mich auch verlassen. An einem grauen Sonntag stand sie mit vollen Koffern in der Tür und sagte: „Leb wohl.“, verließ die Wohnung und stieg in einen Mittelklasseschlitten, von einem Hübschling gefahren. Der bedeutungslose Betrug zog tiefe Furchen.
Hunger zieht mich aus dem Bett. Zum Frühstück: Chips mit Bier vorm Fernseher.
In der zweiten Werbepasuse trotte ich ins Bad. Das Gelb der Zähne geht eh nicht mehr ab und niemand achtet auf die fettigen Haare, deshalb beschränkt sich die morgendliche Prozedur nur aufs Mindeste – wie immer. Zum Schluss noch ein inniger Blick in die leeren Augen des Spiegelbewohners.
Doch ich habe schon lange kein Mitgefühl mehr für diesen Versager.
10:38 Uhr. Der Fernseher flimmert, während das  Telefon meine Ohren vergewaltigt. Am anderen Ende ist die Tussi vom Arbeitsamt. Sie bemüht sich mir einen Job schmackhaft zu machen.
„Sie müssten von 07:30 bis 15:30 … „ – „ Jürgen ist ein beherzter Blumenliebhaber, der sich nichts lieber als eine ehrliche Gefährtin zum…“ – „ Außerdem müssten Sie als weitere Grundlage so schnell, wie möglich einen Gesundheitspass besorgen. Die Kosten dafür…“ – „… Beate, die am liebsten kuschlige Nachmittage mit…“ – „Haben Sie zugehört?“ – „Ja klar, ich melde mich.“ Aufgelegt.
11:57 Uhr. Heute gehe ich, trotz vollem Kühlschrank, aus. Ich werfe mir den kratzigen Pullover über das fleckige Unterhemd. Kein Blick in den Spiegel und mit einem lustlosen Knall fällt die Tür ins Schloss zurück.
An der Frittenbude angekommen, werde ich von den Herumlungernden wie ein König empfangen.
Hier kennt mich keiner als „Niemand“, sondern als „Jemand“. An meinem Frittenpalast reden wir wie Fachmänner. Fußball, Ex-/ehefrauen, Fußball, Bier, neue Kinostreifen, Fußball. Starren ab und zu den jungen Frauen hinterher und merken nicht wie einsam wir in Wirklichkeit sind.
13.05 Uhr. Auf dem Nachhauseweg sehe ich ein junges Paar mit Kind. Eigenartig.. das Gör mit der verrotzten Nase zieht mich magisch an. Ein Umweg führt mich, dem Kind hinterher, zum Spielplatz. Dort verweile ich und betrachte die Knirpse zusammen mit den liebevollen Eltern.
Als Gedanken an Verlorenes hochkommen verlasse ich diesen unglücklichen Ort.
Gedankenverloren zieht die festgekettete Seele durch den Plattenbau und weint wieder einmal leise, um das Verlorene.
18:09Uhr. Hunger weckt mich aus der Trance. Zuhause angekommen gibt es Chips und Bier vorm Fernseher.
Die Monotonie des einfachen Lebens hat mich in einen Strudel aus Gleichgültigkeit gezogen. Kein entrinnen möglich und jede Nacht weint meine Seele leise, um das Verlorene, doch aufgegeben habe ich schon lange.

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  1. #1 von Guenther am Dezember 23, 2012 - 11:07 pm

    „Kein entrinnen möglich und jede Nacht weint meine Seele leise, um das Verlorene, doch aufgegeben habe ich schon lange.“

    Wie deutlich und klar das Leben sein kann, wie gemein und ehrlich.

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