Das Leid der Welt auf duldenden Schultern

Eine literarische Kurzgeschichte von Anna Reuter.

Es war einmal  ein kalter Planet, gelegen irgendwo im endlosen Kosmos.
Und dieser Planet war ähnlich unserer Erde – mit tiefblauen Meeren, Gebirgen, die bis in den Himmel zu reichen schienen, atemberaubenden Pflanzen und den vielfältigsten Kreaturen – beschenkt.
Jedes Jahr keimten zarte Knospen an den Bäumen, farbenfrohe Blumen durchdrangen die letzten Reste des Schnees, um die einst so graue Landschaft erneut zum Leuchten zu bringen, die Vögelchen kehrten aus dem Süden zurück und beglückten die Ohren der anderen Geschöpfe mit ihren Liedchen, um so den Frühling einzuläuten.
Im Sommer war der Himmel wolkenlos, so dass tagsüber der strahlende Sonnenschein die Herzen der Geschöpfe erfreuen konnte und während der Nächte sah man den Mond leuchten und jeden kleinen Stern am Himmel schimmern.
Ein klassischer Herbst besaß Tage an denen Kreaturen durch Alleen wanderten, wo sie die prachtvollen Kleider der Bäume, welche sich bereits gelb oder rötlich färbten und im Glanz der Sonne in goldenem Ton erstrahlten, bewunderten, aber auch Tage, an denen Regenschauer und gespenstige Nebelschwaden das Land bedeckten.
Und wenn zum Ende eines jeden Jahres die Schneeflocken vom Himmel schwebten und die Erde schließlich unter einer dicken Decke schlummerte, sollten doch auch die funkelnden Eiskristalle, welche die Decke versetzten, die Herzen der Kreaturen erwärmen.

Unter den zahlreichen Geschöpfen gab es eine Art, welche überaus hervorstach. Eine Art, sowohl weitentwickelter, aber auch egoistischer und verschwenderischer als alle anderen jemals zuvor.
Die Wesen, welche der Gattung entstammten, ähnelten den Menschen auf unserem Planeten.
Manche waren hoch gewachsen, andere eher klein, viele waren rank, andere wiederum wohlbeleibt.
Sie unterschieden sich aufgrund ihrer Äußerlichkeiten und aufgrund des Charakters, aber letztendlich waren doch alle aus einem Guss.
Gleich den Menschen auf unserer Erde litten  auch diese Wesen unter beträchtlichen Problemen, wobei manche ganz und gar selbstverschuldet waren.
Viele wurden von Krankheiten geplagt, dabei tat es nichts zur Sache, ob ihr Geist sie quälte oder ob ihre Körper Viren beherbergten, welche sie von innen heraus tyrannisierte und schwächten.
Eine auffallend große Zahl der Wesen, welche in rückständigen Regionen lebten, fristeten ihr Dasein in Armut und musste täglich Hunger und Durst ertragen. Ihre Körper waren unterentwickelt, abgemagert und man konnte beinah jeden Knochen unter der Haut sehen. Es gab viele Bilder von den Hungerleidern, welche  traurige Gesichter und geschundene Körper, die aussahen als ob sie jeden Moment zerbrechen könnten, zeigten.
Bilder von Müttern, die ihre skelettartigen Sprösslinge in den Armen hielten und flehten, dass ihr Schöpfer doch das Leid von ihnen abnehmen möge.
Doch trotz der Not auf dem Planeten, welche den anderen durchaus bekannt war, konnten diese das Martyrium nicht auf ein Minimum beschränken, denn aus irgendeinem unbekannten Grund konnten sie nicht friedlich miteinander leben. So wurde der Planet unaufhörlich durch rabiate Taten, wie Raub, Missbrauch, Selbstmordanschläge, Folter und viele weitaus Grausamere, traumatisiert.
Die Schlimmsten von ihnen schickten tausende von bewaffneten Kämpfern in andere Länder, damit diese dort blutige Schlachten austrugen. Viele kamen nie zurück und jene die diese Torturen überlebten waren fortan völlig verändert, denn es modifizierte den Verstand eines jeden, der seine Freunde, Kameraden, aber auch viele Fremde, sterben sehen musste und manchmal sogar selbst für deren Tod die Verantwortung trug.
Auch der Planet und seine Schönheit waren nicht mehr heilig, denn die Wesen schufen Waffen, welche das Terrain vollkommen unbewohnbar machte und die Geschöpfe, welche doch dort blieben veränderten sich oder starben den Strahlentod.

Als nun der Schöpfer sah, wie seine Geschöpfe sein Erbe misshandelten, weinte er vor lauter Enttäuschung drei Tage und drei Nächte.
Danach entschied er sich seine Schöpfung nicht zu bestrafen, denn er hatte sie schließlich so geformt. Stattdessen nahm er sich die Selbstlosesten heraus und bat sie das Leid der Welt auf ihren Schultern zu dulden.
Die Selbstlosen waren strittig, doch als der Weltenlenker sie einige Tage auf den Planeten hinunterschauen ließ, um ihnen den Pein seiner Schäfchen aufzuzeigen, erkannten sie das der Planet in die Brüche ging.
Die Selbstlosen willigten ein und fortan war der Planet ein Paradies.
Alle Wesen lebten friedlich zusammen und vergaßen die Schrecken der Vergangenheit.
Keine Krankheiten oder Armut, keine Gewalt und keine Misshandlungen mehr. Die verseuchten Gebiete wurden wieder bewohnbar und das Land wurde nie wieder von Kriegen heimgesucht.
Nur einer der Selbstlosen war nunmehr verpflichtet den Rest seines Lebens unter immerwährender Qual zu verweilen. Nie wieder würde er glücklich werden und wenn er irgendwann eines natürlichen Todes stürbe, würde ein Neuer an seine Stelle treten und auch dieser würde eine unglückliche Existenz bis zum natürlichen Tode führen.
Aber die Barmherzigen konnten es, in dem Glauben, die geliebte Welt zu retten, ertragen, denn so hatte sie der Herr geschaffen.

Und was denken Sie? Wenn in unserer Gesellschaft in jedem Lebenszyklus ein Mensch aufhören müsste ein Egoist zu sein, um so die ganze Welt in ein Paradies zu verwandeln, würde dieser Mensch so selbstlos sein und die Welt retten, wenn er dafür den Rest seines Lebens nie mehr glücklich sein könnte?

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